Die Ultras Regensburg sehen der Saison 2009/10 gerne entgegen und würden sich wünschen, dass es noch mehr Fanszenen in der Liga gibt, die nicht gegen alles eine Antihaltung einnehmen. Stadionwelt sprach mit Matzomat von den Ultras Regensburg.
Stadionwelt: Das erste Jahr der dritten Liga ist vorbei. Was waren die Eindrücke von der neuen Liga? Einige Gruppen nehmen ganz öffentlich kein Blatt vor den Mund und wären für eine Abschaffung selbiger.
Matzomat – UR: Die dritte Liga hat fantechnisch für Szenen aus den ehemaligen Nord- oder Ostligen dank des Zusammenschlusses mit dem großteils mit spärlichen Fanscharen übersähten Süden des Landes sicherlich an Reiz verloren. Für uns dagegen ist es auf jeden Fall eine andere Messlatte, nach Braunschweig, Dresden oder Düsseldorf – allesamt mit Szenen auf „Erstligalevel“ ausgestattet – zu reisen, als nach Elversberg oder Pfullendorf. Sportlich und wirtschaftlich ist es für die Vereine ganz offensichtlich eine schmale Gratwanderung, weshalb die Struktur der 3. Bundesliga zu hinterfragen ist. Solange jedoch keine acht Amateurmannschaften in einer 3. Liga kicken, werden wir uns sicherlich nicht beklagen.
Stadionwelt: Ihr wart der leidtragende Gegner von Union Berlin, gegen den Union den Aufstieg perfekt gemacht hat. Wie habt Ihr die Situation wahrgenommen oder ließ sie Euch eher kalt?
Matzomat – UR: Union Berlin hat eine starke Saison gespielt und gehört definitiv in Liga 2. Dass der Aufstieg ausgerechnet gegen unseren SSV unter Dach und Fach gebracht wurde, war dabei eigentlich unwesentlich, zumal wir unsere Big-Points anderswo einfahren konnten. Generell empfinden wir es immer als Genugtuung, wenn in einer Zeit des Massentodes vieler Traditionsteams, ein solches wieder den Sprung nach oben schafft. Neues Beispiel im Hoffenheim-Stil: Red Bull steckt in den nächsten zehn Jahren 100 Millionen in den 5. Ligisten SSV Markenstädt mit der deutschen Meisterschaft als Ziel.
Stadionwelt: Gab es in der vergangenen Saison Spiele oder Auftritte von Euch oder des Gegners, wo Ihr sagen würdet, das war absolut ein Highlight?
Matzomat – UR: Sicherlich war der Auftritt von Dynamo in unserem altehrwürdigen Jahnstadion alleine aufgrund der übermäßigen Quantität beeindruckend. Doch auch Jena lieferte einen guten Support ab. Auswärts erlebten wir sehr gute Stimmung in Düsseldorf, Berlin, Braunschweig und Dresden. Doch auch gemeinsame Aktionen mit anderen Fanszenen in Braunschweig, Stuttgart und in Wuppertal sind Zeugen davon, dass man in Fussball-Deutschland nicht zu jeder Szene von Haus aus eine Antihaltung haben muss, sondern vielmehr gemeinsame Feinbilder erkennen und zusammen dagegen agieren sollte.
Gegenüber uns selbst sind wir aufgrund unserer hohen Ansprüche ununterbrochen sehr kritisch. Wir verfolgen eine Richtlinie, die der arroganten Haltung vieler Gruppen nach außen widerspricht.
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Die Ultras Regensburg versuchen, sich auf dem bisher Erreichten nicht auszuruhen
Bild: Stadionfreunde.de
Stadionwelt: In diesem Jahr feiern die Ultras Regensburg bereits das achtjährige Jubiläum der Gruppe. Wenn man auf so eine Vergangenheit zurückblickt, kann man da sagen, dass sich der Ultragedanke in den letzten paar Jahren in Deutschland etabliert hat und sich die Szenen rasend schnell entwickeln?
Matzomat – UR: Von rasend schneller Entwicklung würde ich nicht sprechen. Es ist ein weiter und nervenaufreibender Weg, sich in den zumeist recht konservativen Kuttenszenen als neuer Strom zu beweisen und diesen Lifestyle auch kontinuierlich und langjährig zu leben. Viele ältere deutsche Gruppen stagnieren derzeit ein wenig, während neue Gruppen sich wiederum gut entwickeln. Eine direkte Bewertung anderer Kurven werdet ihr aus unserem Mund jedoch nie hören, da sich unserer Auffassung nach jede Szene selbst stets kritiseren sollte. Aussenstehende haben nicht das Recht, über etwas zu urteilen. Man kann jedoch durchaus behaupten, dass sich der Ultragedanke mittlerweile etabliert hat und ansatzweise in Deutschland eine eigene „Duftmarke“ erhält. Jedoch heisst Ultrà sich stets weiterzuentwickeln und dies gilt auch für die gesamte deutsche Szene.
Stadionwelt: Wenn ja, inwiefern könnte man diese Entwicklung auch auf die Ultras Regensburg übertragen?
Matzomat – UR: Unsere Entwicklung war vier Jahre lang äußerst schwerfällig. Ähnlich wie in der Nürnberger Ultraszene hatte der Gedanke zwar schon Jahre zuvor die Stadt erreicht, jedoch vergingen weitere Jahre, bis er voll angekommen war und auch im größeren Kollektiv gelebt wurde. Vom Zuschauerzuspruch spielte der Jahn in Regensburg bis vor kurzem nur die zweite Geige, da das große Jugendpotential zum Eishockey pilgerte. Der Fall von Liga 2 in die Bayernliga war das Beste, das unserer jungen Fanszene passieren konnte. Man rückte zusammen und es kristallisierte sich heraus, wer dem Verein wirklich in jeder Liga zur Seite steht. Seither haben wir eine „Jugend der Stadt“-Mentalität entwickelt und ziehen auch andere Subkulturen an.
Stadionwelt: Wer die Spiele im Jahnstadion besucht, dem fallen nicht nur die Lieder von Euch auf, Ihr setzt auch optisch einige Akzente. Wie würdet Ihr Euren Stil bezeichnen?
Matzomat – UR: Extravagant – Gesellschaftskritisch – UnbelehrbaR.
Das „unbezahlbare“ Derby in BurghausenBild: Kutte-Burgkirchen
Stadionwelt: Euer Spiel gegen Wacker Burghausen entwickelt sich immer mehr zu einem brisanten Derby, obwohl beide Städte 140 Kilometer entfernt sind. Wie entstand die Rivalität untereinander und wie überträgt sie sich im Ligaalltag? Schließlich müssen beide Mannschaften regelmäßig weitere Auswärtsfahrten auf sich nehmen.
Matzomat – UR: Die Rivalität entstand zur Jahrhundertwende – angestachelt aus dem Regensburger Lager. Im ostbayerischen Raum existieren auf dieser sportlichen Ebene nur diese beiden Teams und die Ermittlung der ostbayerischen Nummer 1 trieb die Abneigung relativ hoch. Beide Szenen haben sich relativ spät entwickelt, sind sich jedoch im Ultrabereich äußerst ähnlich. Wir haben zwar in Sachen Altersschnitt und Erfahrung sicherlich die Nase vorne, jedoch bekam die Burghauser Szene zuletzt ordentlich Zulauf. Bei weiteren Auswärtstrips kam es durchaus auch schon vor, dass man sich auf halber Strecke am Rastplatz begegnete. Nun, nach dem sportlichen Abstieg der Salzachelf, darf man gespannt sein, inwiefern sich dies auf die Szene auswirkt.
Stadionwelt: Ihr pflegt für eine Ultragruppe in Deutschland sehr viele Freundschaften. So sind unter anderem die Blauen Bomber aus Stuttgart und die Blauhelme aus Linz öfters bei Euch zu Gast. Seit neuestem gibt es angeblich auch eine Annäherung mit den Boyz aus Köln. Wie kam es zu all den Kontakten?
Matzomat – UR: Auf diese Frage reagiere ich zumeist ein wenig allergisch. Wer von „Rumgehure“ spricht, hat den Gedanken an sich nicht voll verstanden. Der Alltag eines Vollblutultras wird bestimmt von Repressionen und dauerhafter Antihaltung von unwissenden Laien, die einem tagtäglich in unserer maroden Gesellschaft ohne zu hinterfragen Steine in den Weg werfen. Im Endeffekt sollte sich die deutsche Ultralandschaft endlich wegbewegen vom kindischen Schwanzvergleich und Rumgepose hin zum Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Es sollte grundsätzlich viel mehr Austausch zwischen den Gruppierungen stattfinden im Umgang mit Sanktion und Repression.
Gruppenübergreifende freundschaftliche Kontakte pflegen wir zu den mittlerweile vereinslosen Psychopathen Wehen 99, zu den Blauen Bombern 95 Stuttgart und zur blauen Linzer Szene. Sämtliche weitere in- und ausländische Kontakte sind Verbindungen von Einzelpersonen oder einem Teil der Gruppe. Im Endeffekt sind alle einfach nur verrückt nach unserer Traumstadt an der Donau mit dem einzigartigen Flair. Wer einmal unseren Lifestyle hier in Regensburgs kennengelernt hat, kommt immer wieder zurück.
Stadionwelt: Was wünschen sich die Ultras Regensburg für die Zukunft oder viel mehr für die kommende Saison?
Matzomat – UR: Wir wünschen uns eine sportliche Etablierung in Liga 3, eine solide Vereinspolitik und einen weiterführenden jugendlichen Fan-Zulauf sowie die stetige Weiterentwicklung der beiden Nachwuchsgruppen JAHNgsters 09 und Red Generation 07. Der Wunsch des baldigen Wiedersehens mit dem Erzfeind scheint nach dem Zwangsabstieg von Kickers Emden bereits erfüllt. (Stadionwelt, 27.07.2009)


