Offenbach erhält am Bieberer Berg ein neues Stadion für etwa 20.500 Zuschauer. Die Fans der Kickers, vertreten durch die IG Stadionbau, konnten dabei durch gute Vorschläge entscheidend mitwirken. Stadionwelt sprach mit Volker Goll, Sprecher der Interessensgemeinschaft.
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Das Stadion am Bieberer Berg in Offenbach wird umgebaut und die Fans reden mit
Bild: ERWIN
Stadionwelt: Das Projekt Sparda-Bank-Hessen-Stadion ist bereits gestartet. Wie lautet Ihr erstes Fazit?
Goll: Ohne das aktive Engagement aus der Fanszene, gebündelt durch die Interessengemeinschaft Stadionbau IGS, wäre das Stadion nicht so akzeptabel geworden. Im Detail müssen wir nun dran bleiben, weil man sich später als Besucher über Dinge eben ärgert, die nicht gut durchdacht wurden. Es sollte langsam mal in alle Köpfe, dass man Großprojekte – wo und was auch immer – stets besser mit den Betroffenen und Nutzern plant und bespricht, anstatt über ihre Köpfe hinweg.
Stadionwelt: Es sind viele Köpfe betroffen. Wie und mit wem wurde im Vorfeld zusammengearbeitet?
Goll: Nun ja, weil eben weder Fans, noch Fanprojekt oder Fanbeauftragter in die Planungen und Vorsprechungen seit Jahren involviert waren, haben wir dann, als es wirklich ernst wurde, die IGS im September 2009 gegründet. Zuvor sorgte auch eine Fanaktion im Rathaus für die nötige Aufmerksamkeit. Plötzlich standen uns die Türen offen, Verein, Stadt, Bürgermeister, alle waren sie zu Gesprächen bereit. Letztlich haben wir es offenbar geschafft, viele unserer Positionen zumindest in die Ausschreibung der Stadt an die Baufirmen einfließen zu lassen.
Besonders die alten Flutlichtmasten sollen nach dem Willen der IG Stadionbau weiterhin bestehen
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Stadionwelt: Im Januar gab es ein Gespräch mit Verantwortlichen der Stadt. Wie verlief das Gespräch beziehungsweise wie wird weiter verfahren?
Goll: Wir hatten eine siebenseitige Liste mit Nachfragen und Anregungen zu verschiedenen Details. Diese wurde durchgearbeitet, sprich wir bekamen viele Infos und wir diskutierten recht offen über Vor- und Nachteile. Der Knackpunkt ist sicherlich der gewünschte Flutlichterhalt als Denkmal. Von den Verantwortlichen wurde uns ein monatliches Treffen zugesagt, die Termine stehen bis Ende 2011 so gut wie fest. Das Fanprojekt und der Fanbeauftragte sind ab jetzt auch bei den wöchentlichen Absprachen zwischen Verein und Bauverantwortlichen dabei.
Stadionwelt: Im Vorfeld gab es insgesamt 20 zusammengefasste Wünsche der Fans. Welche davon wurden berücksichtigt, welche nicht und bei welchen besteht noch Hoffnung?
Goll: Das würde jetzt eine lange Liste werden. Wir werden diese aber auf unserer Website veröffentlichen, also ein Zwischenfazit ziehen. Man kann von gefühlten 80 Prozent ausgehen, die erfüllt werden sollen. Ganz wichtig war die Kapazitätserhöhung, diese wurde auch erreicht.
Stadionwelt: Wie liefen die Verhandlungen bezüglich der Fankurve auf der Gegengeraden?
Goll: Recht kurz, der Fanblock ist an sich unantastbar in Offenbach. Dieses Gefühl konnten wir nur bestätigen. Es gab hinter den Kulissen dennoch viele Einwände, zumeist aus wirtschaftlichen Gründen, also zu viele Stehplätze und dann noch dort, wo man als Verein mehr Geld mit Sitzplätzen verdienen könnte. Sehr wichtig ist das frühe Bekenntnis der OFC-Verantwortlichen zum Erhalt des Gegengeraden. Anders hätte man aber in der Fanszene auch keine große Akzeptanz für den Neubau erhalten.
Die legendären Block-Schilder sollen auch erhalten bleibenBild: ERWIN
Stadionwelt: In den Umfragen vorher war es ausgeglichen. Warum soll es jetzt ein Vier-Ecken-Stadion und keine Arena werden?
Goll: Das stimmt, die Meinungen waren geteilt. Wir haben uns als Aktivisten in der Hinsicht herausgenommen, an diesem Punkt unsere eigene Meinung zu vertreten, zumal viele von uns eigentlich gar kein neues Stadion wollten. Es ist als eine Verneigung vor dem ehrwürdigen Bieberer Berg zu verstehen. Womöglich passte dieser Vorschlag ganz gut zu Einsparpotentialen beim Neubau oder war aus anderen Gründen für die Verantwortlichen recht praktisch. Nur nostalgische Gründe hätten sicher nicht gereicht.
Stadionwelt: Die traditionsbewussten Fans hängen an „ihrem“ Stadion. Inwiefern wird versucht, die Erinnerungen ins neue Stadion zu transferieren?
Goll: Zentraler Punkt ist da der Erhalt der Flutlichter. Sie sind zum einen Denkmal, haben aber auch die Funktion vor einem Spiel von weit her den Weg zu leuchten. Die vergeblichen Versuche Erinnerungen in neu gebaute Stadien zu integrieren, können wir ja an vielen Standorten bewundern. Da darf man sich nichts vormachen, meist kommt nicht mehr heraus, als große Fototapeten mit alten Fußballerfotos. Wenn aber bei uns sogar die Comicwand aus dem Beton geschnitten wird und neu als Artefakt aufgestellt wird, dann wäre das schon was Besonderes. Gerne hätten wir auf der Gegengeraden auch die alten Blockbezeichungen, am besten mit den alten Schildern.
Die Comicwand soll aus der Wand geschnitten und neu aufgestellt werden
Bild: Andreas Schmidt / Schmidtbild
Stadionwelt: Sie schlagen vor das Stadion außerhalb des Spielbetriebs interessant zu machen. Eine Filiale des Sponsors und einen Backshop wird es geben, aber kein Museum oder Stadionkneipe?
Goll: Wir würden sehr gerne eine Stadionkneipe oder ein Cafe haben. Das hängt aber auch daran, ob sich ein geeigneter Pächter findet, der sich auf diese Bedingungen dort einlässt. Ob es den Backshop wirklich geben wird, über den man hier mehrheitlich schmunzelt, weiß ich auch noch nicht… Was das Museum betrifft, muss man wissen, dass das OFC-Museum ein privates ist. Diese Gespräche, also, was die Museumsgruppe will und kann, und in wie weit Stadt und Verein da unterstützen, sind aber gerade im Laufen und da wäre es sicher besser auch die Museumsverantwortlichen zu fragen.
Stadionwelt: Der Abriss des geliebten Stadions erfolgt im laufenden Spielbetrieb. Die Zuschauer müssen Stück für Stück mit ansehen, wie ein großes Stück Tradition abgerissen wird. Ein harter, weil langer Abschied, oder?
Goll:Ja, das ist richtig. Glücklicherweise ruhen Abrissbirne oder Bagger während des Spieltages. Persönlich will ich mir das nicht anschauen, weder den Abriss unserer Tribüne noch das Fällen der alten Senfkurvenbäume. Rational können Außenstehende nicht verstehen, warum man an so einem alten Kasten hängt, aber viele von uns sind hier seit frühster Kinderzeit. Mit einem alten Stadion werden massig Erinnerungen verbunden, das ist nicht zu ersetzen. Was ein Glück, bleiben wir am alten Standort und bauen nicht in die öden Peripherien, wie in München oder Augsburg. (Stadionwelt, 15.02.2011)


