Nach dem Westbahnhof-Prozess müssen mehrere Fans von Rapid Wien in Gefängnis, weil diese am Angriff auf Austria Fans beteiligt gewesen sein sollen. Faszination Fankurve sprach mit der Rechtshilfe Rapid über die Betreuung der Verurteilten und die Arbeit der Gruppe allgemein.
Faszination Fankurve: Seit wann gibt es bei euch eine Rechtshilfegruppe und wie kam es zur Gründung der Gruppe?
Rechtshilfe Rapid: Die Rechtshilfe Rapid wurde im Sommer 2012 gegründet. Die Idee einer Organisation, welche die grün-weiße Fangemeinde dabei unterstützen soll, sich gegen ungerechte Behandlung seitens Polizei und Justiz zu wehren, bestand aber schon seit einigen Jahren.
Nach einigen Vorfällen der letzten Jahre kam es nämlich zu einer Vielzahl polizeilicher und juristischer Schikanen, z.B. Hausdurchsuchungen und Massenanklagen. Diese standen bestimmt auch im Zusammenhang mit dem zunehmend rigiden Sicherheitsdenken von Polizei und Politik im Zuge der Ausrichtung der EURO 2008. So wurde nach dem »Platzsturm-Derby« im Mai 2011 die Faninitiative „United we Stand“ gegründet.
Viele zweifelhafte Geschehnisse unterstrichen seither die Notwendigkeit einer szeneübergreifenden, professionell organisierten Solidargemeinschaft, mit der Aufgabe betroffene Rapidfans im Umgang mit Behörden, Polizei und Justiz zu unterstützen. Deshalb gründete sich nach intensiver Vorbereitung der Verein Rechtshilfe Rapid. Wir haben uns bewusst als e.V. konstituiert. Von Beginn wollten wir damit ein Zeichen der Seriosität setzen, dieser offizielle Status bietet aber natürlich auch Angriffsflächen für die Behörden.
Faszination Fankurve: In welchen Fällen konntet ihr schon helfen beziehungsweise was würdet ihr als euren größten bisherigen Erfolg bezeichnen?
Rechtshilfe Rapid: In unserem ersten Jahr wurden 31 Fälle (mit bis zu 20 Beschuldigten) bearbeitet, wovon 9 Fälle bereits positiv abgeschlossen wurden. Viele der Fälle laufen allerdings noch.
Große Erfolge waren bisher ein von der Staatsanwaltschaft eingestelltes Verfahren gegen 20 Personen wegen Raufhandel, im Zuge dessen die ermittelnden Polizisten ohne konkrete Beweise Leute beschuldigt hatten, und mehrere eingestellte Verfahren auf Grund des Pyrotechnikgesetzes.
Für die Zukunft wichtig könnte auch eine von unserem Anwalt für strafrechtliche Angelegenheit im Zuge des „Westbahnhof-Prozesses“ miteingebrachte und vom VfGH in einem Erkenntnis schließlich bestätigte Nichtigkeitsbeschwerde sein. Den 85 angeklagten Rapidfans und deren Anwälten wurden mit Hinweis auf einen geltenden Passus der Strafprozessordnung Videobänder nicht ausgehändigt und somit dem Grundrecht auf ein faires Verfahren nach Art. 6 EMRK widersprochen. Nun konnte eine Änderung der Strafprozessordnung erreicht werden!
In Zusammenhang mit diesem Prozess und den erschütternden Urteilen kann auch der Spendenaufruf der Rechtshilfe Rapid bereits jetzt als Erfolg gewertet werden. Mehrere Rapidfans müssen bis zu 14 Monate in Haft. Die Rechtshilfe Rapid hat einen Spendenaufruf gestartet um den drohenden sozialen Abstieg (Wohnungen müssen bezahlt werden etc.) zu verhindern und das Leben für unsere zukünftigen Häftlinge ein wenig erträglicher zu machen. Durch diesen Aufruf kamen bereits in den ersten drei Wochen, in der spielfreien Zeit und ohne Soli-Aktionen fast 4000 € zusammen.
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Die Rechtshile Rapid kümmert sich auch um inhaftierte Rapid-Fans
Bild: tornadosrapid.at
Faszination Fankurve: In welcher Situation konntet ihr gar keine Hilfe leisten?
Rechtshilfe Rapid: Leider ist es bereits mehrfach vorgekommen, dass die Kontaktaufnahme mit der Rechtshilfe Rapid sehr spät passiert und etwaige Einspruchsfristen dann bereits verstrichen sind. Dann ist eine Hilfe nicht mehr möglich. Deshalb predigen wir allen, die einen Brief von Polizei oder Gericht erhalten sich sofort zu melden!
Faszination Fankurve: Welche Hilfe bietet ihr bei Stadionverboten, Stadtverboten oder anderen Problemen mit Polizei, Justiz oder Vereinen an?
Rechtshilfe Rapid: Wir helfen ganz allgemein im Umgang mit Verwaltungsbehörden, Polizei und Justiz. Wir schreiben Einsprüche bei Anzeigen oder Strafverfügungen im Rahmen von Verwaltungsstrafverfahren und Stellungnahmen bei drohenden Stadionverboten oder geben die Fälle an unseren Anwalt für Verwaltungsstrafverahren weiter. Bei strafrechtlichen Anzeigen vermitteln wir unsere Kooperationsanwälte zu einem Sondertarif. Zu unseren Aufgaben gehört alles vom Erstgespräch, über Akteneinsicht bis zur Vertretung bei Gerichtsverfahren.
In Notfällen übernimmt die Rechtshilfe Rapid auch die Gerichts- und Anwaltskosten.
Stadionwelt: Wie darf man sich eure Arbeit genau vorstellen? Wie viele Leute beteiligen sich an dem Projekt und welchen Background haben sie?
Rechtshilfe Rapid: Die Aktivisten der Rechtshilfe Rapid sind eine gute grün-weiße Mischung. Es sind maßgebliche Leute aus den bestimmenden Ultra-Gruppierungen dabei, jüngere Fans aber auch die ältere Generation beteiligt. Die fünf Vorstandsmitglieder und fünf Aktivisten haben keinen beruflich juristischen Hintergrund. Wir haben uns nach und nach das nötige Wissen angeeignet und lernen natürlich mit jedem Fall dazu, aber eigentlich rein aus Solidarität, weil wir anderen Rapidfans helfen wollen und uns die Ungleichbehandlung von Fußballfans im Verhältnis zu anderen Bürgern einfach auf den Geist geht.
Hinzu stehen der Rechtshilfe Rapid drei Anwälte bzw. juristische Mitarbeiter (zwei für strafrechtliche Belange und einer für das Zivil- bzw. Verwaltungsrecht) zur Verfügung, die uns jederzeit behilflich sind. Diese sind allesamt auch Rapidfans, seit Jahren Jahreskartenbesitzer, Fanclub-Mitglieder und Mitglieder des Block West. Sie wissen wie unsere Klientel tickt und kennen die Probleme von Fans aus eigener Erfahrung.
Faszination Fankurve: Muss man bei euch Mitglied sein, oder steht die Hilfe allen Fans eures Vereins offen?
Rechtshilfe Rapid: Unsere Hauptaufgabe ist es, Mitglieder der Rechtshilfe Rapid zu unterstützen. Natürlich wurden speziell in der Anfangszeit Ausnahmen gemacht und es gibt Notfälle, aber grundsätzliches Ziel ist eben unseren Mitgliedern zu helfen. Schon auf Grund des Solidaritätsgedanken erwarten wir, dass möglichst viele Rapidfans, nicht nur Leute aus den Gruppen der aktiven Szene, Mitglied der RHR werden. Informationen und Aufklärungsarbeit bieten wir aber allen an, die zu uns kommen.
Faszination Fankurve: Gibt es andere Ausschlusskriterien, warum ihr einem Fan die Hilfe verweigert?
Rechtshilfe Rapid: Unterstützung gibt es auch für Mitglieder nur bei Problemen die in Zusammenhang mit Aktivitäten der betreffenden Person als Anhänger des SK Rapid auftreten.
Faszination Fankurve: Wo kann sich ein Fan eures Vereins, der Probleme mit Polizei, Justiz oder dem Verein hat, melden?
Rechtshilfe Rapid: Neben der Mitgliedschaft in der Rechtshilfe Rapid gibt es keine weiteren Unterstützungsangebote für Rapidfans mit diesen Problemen – kein Fanprojekt oder ähnliches. Also: Mitglied werden und bei Problemen schnellstmöglich Kontakt aufnehmen; entweder über http://www.rechtshilfe-rapid.at, über unsere Facebook-Seite, über die telefonische Hotline (an Spieltagen) oder bei unserem Infotisch vor den Heimspielen.
Nicht nur Rapid-Fans mit Stadionverbot können sich bei der Rechtshilfe Rapid melden
Bild: tornadosrapid.at
Faszination Fankurve: Was ist eure Empfehlung an andere Fanszenen, in denen bisher keine Rechtshilfegruppe existiert?
Rechtshilfe Rapid: Organisiert euch, leistet Aufklärungsarbeit und versucht juristische Hilfe zu leisten oder zu vermitteln. Schafft für eure Szene Chancengleichheit im Umgang mit den Behörden, denn hinter Polizei und Justiz steht ein mächtiger und leider auch schon politisierter Apparat, dem man nur mit professioneller Gegenwehr Paroli bieten kann. (Faszination Fankurve, 08.09.2013)
Bild: tornadosrapid.at
Bild: tornadosrapid.at



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