Jörg Rodenbüsch vom Fanprojekt Saarbrücken erklärt im Interview, wie das Auftreten einer rechten Kameradschaft in Saarbrücken verhindert wurde, warum es beim Fußball noch nie so sicher war und weshalb er eine Wiederaufnahme der Pyrotechnikgespräche begrüßen würde.
Faszination Fankurve: Oftmals wird von Außenstehenden wahrgenommen, dass der Kontakt zwischen Verein und der Fanszene immer problematischer wird bzw. zum Teil nicht mehr existent ist. Wie sehen Sie als Vermittler das allgemein und vor allem im Hinblick auf Ihren Verein?
Jörg Rodenbüsch: Grundsätzlich teile ich die Auffassung, dass der Kontakt oder insbesondere der Austausch zumeist oberflächlich ist. Es ist bedauerlich, dass es uns in Saarbrücken immer noch nicht gelungen ist da mehr Tiefgang zu erreichen. Mit Sicherheit trägt der die sportliche Instabilität ihren Teil dazu bei. Unter den Trainern Dieter Ferner und Jürgen Luginger waren wir da auf einem guten Weg. Positiv ist sicher, dass nach jahrelangem Mühen endlich ein hauptamtlicher Fanbeauftragter eingestellt wurde, doch es ist noch ein langer, steiniger Weg bis ein ernsthafter und vor Allem vertrauensvoller Dialog zwischen Vereinsführung und Fankurve in Saarbrücken stattfinden kann.
Faszination Fankurve: Letztes Jahr haben die Clubs der 1 bis 3. Liga Strafen in Höhe von ca. 1,7 Millionen Euro nach Fanaktionen zahlen müssen. Die Vereine reagieren unterschiedlich, immer mehr versuchen die Strafe auf die Verursacher zu übertragen. Wie stehen Sie als Fanprojekt zur Übertragung solcher Strafen und wie wirken diese auf betroffene Fans und deren Umfeld?
Rodenbüsch: Auch in Saarbrücken versucht man diesen Weg zu gehen. Ich persönlich halte davon nicht viel, denn die Akzeptanz für dieses Vorgehen ist nicht gegeben und vor Allem sie führt nicht zu dem gewünschten Verhalten. Ich hätte vielleicht mehr Verständnis für dieses Vorgehen, wenn zugleich auch von Seiten der Vereinsführung ein ernsthafter Dialog mit Fangruppierungen geführt würde. Insbesondere um das Pokalspiel gegen Borussia Dortmund wurde dieser Dialog von Seiten der Vereinsführung komplett verweigert. Selbst das Gespräch mit der Polizei, die darauf hinwirken wollten, dass der Dialog mit Vertretern der Fanszene geführt werden sollte, wurde brüskierend abgewiesen. Damit hätte im Vorfeld mit Sicherheit dazu beigetragen werden können, dass eine Pyroshow ausbleiben könnte. Diese Chance wurde vertan. Jetzt die Geldstrafe des DFB wieder eintreiben zu wollen, abermals ohne Dialog, ist zumindest äußerst bedenklich.
Faszination Fankurve: Immer wieder beklagen Fanprojekte eine Unterfinanzierung. Sind Sie mir den Mitteln, die Ihnen im Moment zur Verfügung stehen zufrieden? Was würden Sie konkret mit weiteren Mitteln umsetzen?
Rodenbüsch: Wir sind klar unterfinanziert. Wir benötigen dringend eine dritte Stelle, wie sie auch schon seit 1992 im NKSS gefordert wird. Erst seit knapp acht Monaten sind wir überhaupt in der Lage zwei Vollzeitstellen zu gewährleisten. Wir würden gerne unser Veranstaltungsangebot ausweiten und eine stabile Begleitung zu sämtlichen Spielen sicher stellen. Auch ein Fahrzeug für U-18-Fahrten fehlt. Neben dem DFB und dem Regionalverband Saarbrücken ist die Landeshauptstadt Saarbrücken unser stärkster Zuwendungsgeber, die neben Barmitteln auch ein gesamtes Haus zur Verfügung stellen.
Faszination Fankurve: Die Mehrheit der Strafen hat mit dem Einsatz von Pyrotechnik zu tun. Seit Jahren ist der Einsatz von Pyro das zentrale Thema, ohne dass sich etwas bewegt. Lässt sich überhaupt eine Lösung finden?
Rodenbüsch: So lange der ernsthafte Dialog verweigert wird, wird sich keine Lösung finden lassen, denn das gesamte Umgehen mit der Thematik ist konsequent problem- und nicht lösungsorientiert. Leider ist der gute Gesprächsweg unter Helmut Spahn, dem damaligen Sicherheitsbeauftragten des DFB, jäh beendet worden.
Faszination Fankurve: Was waren die relevanten Fanthemen in Ihrem Verein/Fanszene in der vergangenen Saison?
Rodenbüsch: Der abermalige sportliche Niedergang hat alles überlagert. Das Verschenken des Dialogs rund um das Dortmundspiel hat viel Porzellan zerschlagen. Zugleich sind bei den Wahlen zum Aufsichtsrat zwei Vertreter aus der Fankurve gewählt worden. Ein hauptamtlicher Fanbeauftragter wurde eingestellt und die Innwurfsupporters haben das Blindenradio auf die Beine gestellt. Es ist also viel Dynamik rund und in den Fankurven des 1. FC Saarbrücken.
Faszination Fankurve: Die Ultràgruppen in Deutschland sind längst aus den Kinderschuhen gewachsen. Teilweise verfügen die Gruppen über eigene Räumlichkeiten, greifen teilweise immer weniger auf Angebote der Fanprojekte zurück. Wie steht es zu Ihrem Kontakt zu den Ultras im Moment und inwiefern haben Sie als Fanprojekt noch Einfluss auf die Ultras bei Ihrem Verein?
Rodenbüsch: Ich sehe die Aufgabe der Fanprojekte nicht darin Einfluss auf die Ultras zu haben. Der Gedanke ist mir zu sicherheitsorientiert. Der Auftrag der Fanprojekte ist im Jugendhilfeauftrag beschrieben. Wir haben die Aufgabe Jugendhilfe anbieten zu können. Daher müssen wir zu den Jugendlichen im Stadion eine Beziehung aufbauen, indem wir an ihrer Lebenswelt teilhaben. Und Jugendliche finden sich im Stadion nicht nur bei den Ultras, sondern in vielfältiger Form. Von daher können wir unserem Auftrag auch weiterhin nachkommen.
Faszination Fankurve: In zahlreichen Fanszenen gab es in den vergangenen Jahren Übergriffe rechtsgerichteter Fans auf linksgerichtete Fans innerhalb der gleichen Fanszene. Gab es solche Vorfälle bei Ihnen auch und wie haben Sie interveniert oder versuchen Sie schon vorab präventiv aktiv zu werden?
Rodenbüsch: Das ist ein ständiges Thema in sämtlichen Kurven. Wir sind bemüht stets und unmittelbar auf solche Prozesse einzuwirken. Auch in Saarbrücken. Vor Jahren war der Versuch sehr stark, dass sich eine rechte Kameradschaft im Stadion breit macht. Das konnte mit starkem Intervenieren verhindert werden. Auch das plötzliche Zeigen der Reichskriegsflagge wurde mit einem sehr deutlichen Skandieren im Stadion abgewendet. Wir bieten zahlreiche Informationsveranstaltungen an und versuchen stets den differenzierte Dialog und auch Konfliktgespräche zu initiieren. Tatsächlich sind wir auch bemüht ein starkes Netzwerk zu bilden, damit ein gemeinsamer Zugang zu diesem Thema, aber auch zu anderen Themenfeldern, wie Homophobie, geschaffen wird. Die Ergebnisse der Europa- und Kommunalwahl machen deutlich, dass da nicht nachgelassen werden kann. Im Regionalverband Saarbrücken hat die NPD in einigen Gebieten bis zu 6% geholt. Das sich dieses auch im Stadion wiederfindet kann nicht wirklich überraschen.
Faszination Fankurve: Das Thema Gewalt wird in den Medien häufig thematisiert. Wie würden Sie die aktuelle Lage in der Fanszene einschätzen? Kommt es häufig zu Auseinandersetzungen, Hausbesuchen, Raub von gegnerischen Fanutensilien etc.?
Rodenbüsch: Es kommt weder zu häufigen Auseinandersetzungen, noch zu Hausbesuchen oder verstärkt wahrnehmbaren Raub von gegnerischen Fanutensilien. Es war noch nie so sicher in Fußballstadien, wie jetzt. Immerhin bin ich schon seit 1989 dabei und weiß was Gewalt und Regelmäßigkeit von Gewalt bedeuten kann. Was mir jedoch Sorge macht, dass sich die Fronten verhärten, dass der postulierte Dialog zumeist auf der Darstellungsebene verharrt, dass Fußball medial und politisch als Sicherheitsproblem aufgebauscht wird und es derzeit nicht absehbar ist, ob dieses Rad zurückgedreht werden kann. Womöglich werden damit die Geister gerufen, die stets beschrieben werden. Es führt nichts am Weg des ernsthaften Dialogs vorbei, Wer in verweigert ist ein Teil des Problems, nicht der Lösung.



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