„Verhältnis zwischen Polizei und Fans gestört“

Faszination Fankurve 20.06.2014 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Faszination Fankurve sprach mit Markus Mau vom Schalker Fanprojekt über Nachwehen des Spiels gegen PAOK Saloniki, das Spannungsverhältnis zwischen aktiver Fanszene und dem Fanclubverband sowie aktive Fangruppen, die sich abseits der Ultras in der Fanszene engagieren.

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Faszination Fankurve: Oftmals wird von Außenstehenden wahrgenommen, dass der Kontakt zwischen Verein und der Fanszene immer problematischer wird bzw. zum Teil nicht mehr existent ist. Wie sehen Sie als Vermittler das allgemein und vor allem im Hinblick auf Ihren Verein?
Markus Mau: Der FC Schalke 04 ist bekannt für seine sehr große Fanszene. Zum einem gibt es den Schalker Fan-Club Verband, der sich um die meisten, bei ihm organisierten Fanclubs kümmert. Eine Mehrzahl an „Fanclubs“, die wir der aktiven Fanszene zuordnen, sind dort allerdings nicht mehr organisiert und möchte ihre Belange auch nicht vom SFCV vertreten lassen. Die „aktive Fanszene“ setzt sich sehr stark mit der Vereinspolitik auseinander und hat vor der letzten Jahreshauptversammlung des S04 „Schalke.V.ereint“ ins Leben gerufen. Diese Initiative kam auch ins Gespräch mit den Verantwortlichen vom S04 und konnte dort Inhalte der JHV beeinflussen. Auch für die Ultras kann man, aus unserer Sicht, von einer regelmäßigen Kommunikation sprechen, die sie allerdings auch selbstständig organisieren und wir da nicht zu 100 % den Überblick haben können. Der Verein beschäftigt zur Zeit zwei Fanbeauftragte. Diese Stellen sollen ausgebaut werden, was wir vom Fanprojekt ausdrücklich begrüßen. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn beide Parteien – Fans und Verein – in Zukunft frühzeitiger den Austausch suchen, gerade bei kontroversen Themen. Dieser Austausch muss dann aber auch ernst genommen werden und darf kein oberflächlicher bleiben.
 
Faszination Fankurve: Letztes Jahr haben die Clubs der 1 bis 3. Liga Strafen in Höhe von ca. 1,7 Millionen Euro nach Fanaktionen zahlen müssen. Die Vereine reagieren unterschiedlich, immer mehr versuchen die Strafe auf die Verursacher zu übertragen. Wie stehen Sie als Fanprojekt zur Übertragung solcher Strafen und wie wirken diese auf betroffene Fans und deren Umfeld?
Mau: Die Auswirkungen sind für den „Verursacher“ enorm. Gerade für jugendliche Fans ist dies kaum zu handhaben. Man darf nicht vergessen, dass durch eine Umlegung der hohen Strafen große Hürden für das weitere Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen entstehen. Dies steht in keinem Verhältnis zur Strafe, die ja letztlich auf Grundlage der wirtschaftlichen Situation des Vereins ausgesprochen wurde – nicht in Hinblick auf die Lage des Verursachers, die sich in einer einzelnen Situation falsch verhalten haben. Diese Praxis muss dringend überdacht werden – ohne Augenmaß, wie bisher, wird die "Übertragung" von Strafen kaum auf Akzeptanz innerhalb der Anhängerschaft treffen. Sich überbietende Summen, wie sie in den einschlägigen Medien immer wieder referiert werden, befriedigen höchstens das Bedürfnis nach Knüppelpädagogik von Populisten, sind aber kein hinreichender Ansatz zur Problemlösung.
 
Faszination Fankurve: Immer wieder beklagen Fanprojekte eine Unterfinanzierung. Sind Sie mir den Mitteln, die Ihnen im Moment zur Verfügung stehen zufrieden? Was würden Sie konkret mit weiteren Mitteln umsetzen?
Mau: Durch die Mittelerhöhung der DFL sind wir zur Zeit auf einem sehr guten Weg. Konkret konnten wir die Stundenzahl eines Mitarbeiters erhöhen und eine weitere Honorarkraft einstellen die sich auch um unseren U18 Bereich kümmert. Eine weitere Mittelerhöhung ist aus unserer Sicht und auf Grund des hohen Fan-Aufkommens beim S04 notwendig. So würden wir den Bereich der politischen Bildung gerne weiter ausbauen, die aufsuchende Arbeit bei den verschiedenen Gruppen und ihren Räumlichkeiten verstärken, sowie das Angebot für weibliche Schalke-Fans (unter dem Gender-Aspekt) initiieren.
Des Weiteren bietet der Fußball aus unserer Sicht ein riesiges Zugpferd in allen gesellschaftlichen Bereichen, so dass die Angebote über den Fußball fast grenzenlos sind.
 
Faszination Fankurve: Die Mehrheit der Strafen hat mit dem Einsatz von Pyrotechnik zu tun. Seit Jahren ist der Einsatz von Pyro das zentrale Thema, ohne dass sich etwas bewegt. Lässt sich überhaupt eine Lösung finden?
Mau: Eine schwierige und auch kaum zu beantwortende Frage, die aber aus unserer Sicht immer wieder den Blick auf andere fanpolitische Themen verbirgt, die den gleichen Stellenwert in der Fanszene haben sollten wie das Pyrotechnik-Thema. Ansonsten lässt sich festhalten, dass sowohl Befürworter als auch Gegner sämtliche sinnvollen Argumente bereits dargelegt haben. 
 
Faszination Fankurve: Was waren die relevanten Fanthemen in Ihrem Verein/Fanszene in der vergangenen Saison?
Mau: Eines der wichtigsten Themen war sicherlich das Championsleague Spiel gegen Saloniki, bzw. der Einsatz der Polizei an dem Tag in der Nordkurve. Dieser Einsatz hat immense Kreise gezogen und ist leider auch noch nicht geklärt. Auch wir haben uns ganz klar gegen diesen Einsatz ausgesprochen und sehen den Einsatz nach wie vor kritisch. Hier wurde das Verhältnis zwischen Polizei und Fans (nicht nur Ultras) nachhaltig gestört. Eine Demonstration verschiedener Fangruppen im Nachgang des Vorfalls wurde von vielen Fans wahrgenommen, auch wir positionierten uns dort mit einem Rede-Beitrag.
Des Weiteren bietet die Vergabe von Stadionverboten wie jedes Jahr immer sehr viel Gesprächsbedarf. Es stehen beispielsweise über 140 Stadionverbote aus einem Derby in Dortmund zu buche, bei denen es bis heute bis auf wenige Personen gar kein erkennbares Verfahren gab. Auch das Anhörungsverfahren auf Schalke wird kritisch von der Fanszene beobachtet.
Die letzte JHV war im Vorfeld ebenfalls wieder ein beherrschendes Thema. Durch vorherige Gespräche war der Verlauf der JHV dann aber sehr harmonisch.
 

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Schalker Ultras beim Derby in Dortmund
Bild: Ultras-GE.de

Faszination Fankurve: Die Ultràgruppen in Deutschland sind längst aus den Kinderschuhen gewachsen. Teilweise verfügen die Gruppen über eigene Räumlichkeiten, greifen teilweise immer weniger auf Angebote der Fanprojekte zurück. Wie steht es zu Ihrem Kontakt zu den Ultras im Moment und inwiefern haben Sie als Fanprojekt noch Einfluss auf die Ultras bei Ihrem Verein?
Mau: Unsere Ultras sind den Kinderschuhen in der Tat entwachsen und deshalb auch sehr gut in der Lage ihren Standpunkt selbst zu vertreten. Auch dank der Hilfe des Fanprojektes, welches seit 1994 auf Schalke existiert und den Ultras, gerade in der Anfangszeit, behilflich sein konnte. Trotzdem würden wir unseren Kontakt zu den Ultras weiterhin als gut bezeichnen. Es gibt regelmäßigen Austausch mit den führenden Köpfen der Gruppen, sowie natürlich auch mit allen weiteren Mitgliedern, je nach Bedarf im Büro oder bei uns am Fantreff an jedem Heimspieltag. Angebote vom Fanprojekt werden nach wie vor angenommen.
Darüber hinaus gibt es mittlerweile einige aktive Fans, die sich nicht bei den Ultras engagieren, sondern sich selbst in eigenen Gruppen verwirklichen wollen. Diesen stehen wir auch mit Rat und Tat beiseite und können an der Stelle unserer Mittlerrolle optimal gerecht werden.
Allgemein wollen wir keinen "Einfluss" nehmen – dies ist auch nicht der Auftrag eines Fanprojekts. Wir verstehen uns als Ansprechpartner für alle jugendlichen Fans auf Schalke – nicht nur Ultras. Wir begleiten sie in ihrem Erwachsenwerden. Dazu gehört auch mal ein kritisches Wort, welches auf Grund des besonderen Vertrauensverhältnisses auch Gehör findet. Dennoch müssen junge Menschen ihren eigenen Weg finden, und sollte der Bedarf nach Hilfe bestehen, sind wir da.
 
Faszination Fankurve: In zahlreichen Fanszenen gab es in den vergangenen Jahren Übergriffe rechtsgerichteter Fans auf linksgerichtete Fans innerhalb der gleichen Fanszene. Gab es solche Vorfälle bei Ihnen auch und wie haben Sie interveniert oder versuchen Sie schon vorab präventiv aktiv zu werden?
Mau: Bei uns gibt es diese Umstände nicht. Es gibt viele Fans auf Schalke, die sich nicht um die Politik am Spieltag kümmern wollen und deshalb politische Themen ablehnen. Durch die Schalker Fan-Initiative wurde dankenswerterweise, seit Beginn der 90er Jahre viel gegen Rechtsradikalismus getan. Der Verein war als einer der Ersten in Deutschland laut Satzung gegen Fremdenfeindlichkeit. Diese erfolgreiche Anti-Rassismus Arbeit hat einen großen Teil zu der heutigen Atmosphäre „auf Schalke“ beigetragen. Nichtsdestotrotz gibt es sicherlich auch auf Schalke rechtsgerichtete Fans, die sich aber nicht offen und nicht einflussnehmend äußern.
Das Schalker Fanprojekt ist im Bereich der politischen Bildung, die präventiv gegen extremistische Orientierungen wirken soll,  derzeit sehr breit aufgestellt. Unser Spektrum der Angebote reicht von Lesungen und Diskussionsabenden über Flyer- und Posteraktionen bis hin zu Gedenkstättenfahrten mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Als Fanprojekt setzen wir uns aktiv gegen Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit ein – unser Standpunkt ist dazu eindeutig und wird auch in eindeutiger Form nach außen hin transportiert.
 
Faszination Fankurve: Das Thema Gewalt wird in den Medien häufig thematisiert. Wie würden Sie die aktuelle Lage in der Fanszene einschätzen? Kommt es häufig zu Auseinandersetzungen, Hausbesuchen, Raub von gegnerischen Fanutensilien etc.?
Mau: Wir wissen natürlich auch um diverse Vorfälle, welche die obige Frage betreffen. Bei manchen Fans scheint Raub in Mode gekommen zu sein, gleichzeitig sind sich diese aber auch nicht immer der drohenden Konsequenzen bewusst, wie wir aus Erfahrung bestätigen müssen. Hier sind wir natürlich um präventive Aufklärung bemüht.
Dennoch wird die in den Medien geführte Debatte zum Thema Gewalt der Realität beim Fußball nicht gerecht und führt zu einer weiteren Entfernung zwischen den Fans und Teilen der Gesellschaft. Pauschalisierte Kriminalisierungen von jugendlichen Fußballfans können jedenfalls keine Lösung sein. Auch darf man nicht vergessen, dass Gewalt unter Jugendlichen nichts Ungewöhnliches ist. Die Ursachen hierfür allein im Fußball zu suchen, ist jedenfalls nicht zielführend.
Über die Debatten verliert man häufig aus dem Blick, dass die Fanszenen insgesamt einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft ausüben können, wenn sie sich sozial engagieren oder Anti-Diskriminierungsprojekte unterstützen. Gerade diese positiven Bestrebungen der Fankultur versuchen wir, zu bestärken. (Faszination Fankurve, 19.06.2014)

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Schalker Ultras beim Derby in Dortmund
Bild: Ultras-GE.de
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