„Das FIFA-System befeuert den Schwarzmarkt“

Faszination Fankurve 12.07.2014 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Faszination Fankurve sprach kurz vor dem Finale mit Michael Gabriel, der seit Beginn der WM in Brasilien als Fanbetreuer ist, über die kreative Stimmung der deutschen Fans beim Halbfinale, die argentinischen Fans, die Sicherheit vor Ort, Zaunfahnen und die „perfide“ Kartenverteilung der FIFA.

Faszination Fankurve: Wie habt ihr den 7-1 Erfolg der DFB-Elf in Belo Horizonte erlebt?
Michael Gabriel: Genauso ungläubig wie alle anderen Besucher auch. In einem WM-Halbfinale, einem der wichtigsten Fußballspiele überhaupt, gegen den Rekordweltmeister in dessen eigenem Land mit sechs Toren Unterschied zu gewinnen, ist eigentlich irreal. Das hat es noch nie gegeben und ich bin sicher, das wird es nicht noch einmal geben. Alle, die es mit eigenen Augen im Stadion live sehen durften, können sich mehr als glücklich schätzen.

Faszination Fankurve: Kam es nach dem 7-1 Sieg gegen Brasilien zu Übergriffen auf deutsche Fans?
Gabriel: Die deutsche Kurve legte in Belo Horizonte einen wirklich guten Support hin. Lautstark, nahezu durchgehend und dann auch noch mit Witz an den richtigen Stellen. Als man zu Beginn des Spiels sein eigenes Wort im Stadion nicht verstand, wurde gesungen: „Ohne Deutschland wär‘ hier gar nichts los!“ und später folgte noch ein „Ihr seid nur ein Karnevalsverein!“
Gänsehaut haben bestimmt viele bekommen als sich nach dem 0:6 alle brasilianischen Fans zu einer standing ovation für das deutsche Team erhoben, was von den deutschen Fans mit „Brazil, Brazil“-Sprechchören beantwortet wurde. Trotz der wahnsinnigen Enttäuschung, die die brasilianischen Zuschauer an diesem Abend erlebten, war deren Verhalten den deutschen Fans gegenüber ausgesprochen fair. Wenn Ordner im Stadion eingreifen mussten, dann nur, weil sich brasilianische Zuschauer in die Haare bekommen haben, was aber auch nichts Ernsthaftes war.

Faszination Fankurve: Sind Euch von anderen Spielen Übergriffe auf deutsche Fans bekannt?
Gabriel: Nahezu alle Fans, die sich auf den weiten und teuren Weg nach Brasilien gemacht haben, berichten an unserer mobilen Fanbotschaft von ausnehmend interessanten und positiven Erfahrungen. Sie genießen das Turnier, natürlich den Erfolg der Mannschaft, aber auch das äußerst vielfältige Land. Die Bedenken in punkto Sicherheit, die in der Berichterstattung vor dem Turnier wie immer dominiert haben, sind wie immer nicht eingetreten. Die uns bekannt gewordenen Überfälle uf einzelne deutsche Fußballtouristen liegen statistisch sogar unter dem Schnitt. Natürlich ist das für jeden einzelnen wirklich schlimm, wenn so etwas passiert, aber wie gesagt war die Sicherheitslage aus der Perspektive der WM-Gäste beim Turnier im Umfeld der Spiele insgesamt gut.
Aber so eine WM kommt in der Regel wie ein außerirdisches UFO in ein Austragungsland und schafft eine wirklich ganz eigene unwirkliche Atmosphäre, die mit der sonstigen Lebensrealität nicht viel zu tun hat. Das betrifft auch das Thema Sicherheit. Selbst die an den Stadien präsente und oftmals martialisch wirkende brasilianische Polizei konnte sich in diesen vier Wochen zurück halten,
Aber wenn dieses UFO am Sonntag wieder abhebt, dann werden die Menschen in Brasilien wieder mit ihrem Alltag konfrontiert sein. Dann wahrscheinlich auch mit einer anderen Polizei.

Faszination Fankurve: Waren deutsche Fans während der WM an Ausschreitungen beteiligt?
Gabriel: Nein.

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Michael Gabriel in Porto Alegre im Gespräch mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière.
Bild: fanguide-wm2014.de

Faszination Fankurve: Wie viele deutsche Fans haben nach Euren Schätzungen Karten für das WM-Finale im Maracana?
Gabriel: Wir schätzen, dass wie beim Halbfinale so um die 5.000 deutsche Fans da sein werden. Aber natürlich ist mit dem Erreichen des Finales das Interesse viel, viel größer. Wir gehen auch davon aus, dass eine Reihe noch versuchen wird, irgendwie noch Flüge zu bekommen und dann hofft, vor Ort noch ein Ticket zu ergattern. Aber der Druck auf dem Schwarzmarkt wird riesig sein. Immerhin rechnet man hier vor Ort mit mindestens 80.000 Argentiniern.
Das Spiel ist ja schon lange, lange ausverkauft. Es ist mehr als schade, dass die Fans aus Deutschland und Argentinien, die ja das größte Interesse an diesem Spiel haben, so große Schwierigkeiten haben, doch noch dabei zu sein. Die einzige Chance ist da bekanntlich der Schwarzmarkt. Das Kartenverteilsystem der FIFA muss meines Erachtens dringend geändert werden. Es wird ja erwartet, dass man zu einem extrem frühen Zeitpunkt Tickets für ein Spiel in einem Stadion kauft, ohne überhaupt zu wissen, wer zu diesem Zeitpunkt dort überhaupt spielt, geschweige denn, dass man weiß, ob sich die eigene Mannschaft qualifiziert. Übersetzt für das Musikbusiness heißt das, man weiß nicht, ob man die Kastelruther Spatzen oder Motörhead sehen wird.
Es ist perfide, das FIFA-System befeuert schon im Konzept den Schwarzmarkt, der dann vor Ort von der Polizei und Justiz verfolgt wird. Ich habe nichts dagegen, wenn professionelle Händler, wie jetzt möglicherweise der Direktor von Match, einer FIFA-nahen Agentur einer ist, verfolgt werden, aber Fans zu verfolgen, die keine andere Chance als den Schwarzmarkt haben, das ist perfide!

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Faszination Fankurve: Verkaufen gerade viele Brasilianer ihre Karten für das Finale?
Gabriel: Wir sind gerade in Rio angekommen und müssen uns erst einen Eindruck verschaffen.

Faszination Fankurve: Die argentinischen Fans haben während der WM für großartige Stimmung innerhalb und außerhalb der Stadien gesorgt. Wie schwer wird es für die deutschen Fans sich im Stadion bemerkbar zu machen?
Gabriel: Das wird sicher nicht leicht, aber so wie die Auftritte der deutschen Fans bisher hier in Brasilien waren, bin ich ziemlich zuversichtlich. Über die Fans der Nationalmannschaft wird ja oft die Nase gerümpft, vielleicht auch hin und wieder zurecht. Aber hier in Brasilien war das Auftreten bisher wirklich beeindruckend, sowohl außerhalb aber auch was den Support im Stadion angeht. Aber man wird mir wohl zustimmen: Wichtig ist, dass sie am Sonntag am Schluss singen!

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Michael Gabriel in Porto Alegre im Gespräch mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière.<br />
<p><strong>Faszination Fankurve:</strong> Ihr kommt ja auch mit zahlreichen brasilianischen Fans ins Gespräch: Zwischen Brasilien und Argentinien besteht eine besondere Rivalität. Werden die brasilianischen Fans im Maracana die DFB-Elf trotz der 1-7 Niederlage unterstützen?<br /><strong>Gabriel:</strong> Davon gehe ich aus mehreren Gründen aus. Zum einen will wohl niemand hier in Brasilien, dass Argentinien im Maracana Weltmeister wird. Zum andern genießt die Nationalmannschaft hier einen sehr guten Ruf und viele Sympathien. Und nach dem Spiel in Belo Horizonte kamen sehr viele zu uns, haben gratuliert und Glück für das Finale gewünscht.</p>
<p><strong>Faszination Fankurve:</strong> Das Thema Zaunfahnen hat viele deutsche Fans vor Ort beschäftigt. Ist es überhaupt noch möglich Zaunfahnen mit ins Stadion zu nehmen und diese auch aufzuhängen?<br /><strong>Gabriel:</strong> Das ist bei diesem Turnier ein leidiges Thema. Natürlich wird weiter versucht, die Zaunfahnen zu hängen. Wie die Ordner agieren, weiß man leider erst, wenn sie agieren – oder halt nicht. Im Grunde eigentlich auch ein unhaltbarer Zustand. In Belo war aber glaube ich das Stadion auch nicht so super geeignet.<br />Auf den Bildern von den Rängen, die wir gemacht haben und die auf unserer <a href=facebook-Seite zu sehen sind, wird aber auch deutlich, dass viele ihre Fahnen zwar mit reinbekommen haben, die dann aber in den Händen gehalten wurden.

Deutsche Fans halten ihre Zaunfahnen hoch, weil das Aufhängen verboten ist.
Bild: fanguide-wm2014.de

Faszination Fankurve: Zu jedem Spiel habt ihr eine Ausgabe des Fanzines Helmut veröffentlicht. Wie wurden die Hefte angenommen?
Gabriel: Großartig! Helmut ist so was wie der Star unserer Fanbetreuung. Mittlerweile gibt es richtig viele Fans, die uns gezielt aufsuchen, nicht weil sie was wissen wollen, sondern nur um sich ihr Heft zu sichern!

Faszination Fankurve: Wie darf man sich den Redaktionsalltag und die Suche nach Druckereien in verschiedenen Städten in Brasilien vorstellen?
Gabriel: Oh je, diese Frage wäre eigentlich ein eigenes Interview wert.
Helmut wird durch eine kleine Redaktion gemacht, die aus drei Leuten besteht. Die Auflage ist 2.000 Exemplare. Nicole Selmer aus Hamburg und Stefan Diener aus Düsseldorf sind absolute Fan- und Fußballfachleute und Ingo Thiel aus Frankfurt zaubert das Layout. Die drei müssen aber auch noch unseren Webauftritt und unsere Facebook-Seite betreuen. Zu tun haben sie also genug. Sie werden aber auch gut vom restlichen Fanbetreuungsteam unterstützt.
Es gibt ein paar feste Rubriken wie Gegner, die Austragungsstadt, das Stadion und ein paar freie Themen.
Diese Stories müssen vor den Spielen gefunden und umgesetzt werden. In der Ausscheidungsrunde müssen manchmal Texte doppelt oder dreifach geschrieben werden, weil wir oft zu spät wissen, wer der nächste Gegner sein wird. Mit unserer ausgeglichenen Gruppe war das wirklich hart, weil Jogis Jungs theoretisch auf alle drei Gegner hätten treffen können. Fertig gemacht wird Helmut immer in der Nacht nach dem Spiel, d.h. feiern ist nicht.
Und dann müssen wir hoffen, dass die Drucker, die wir bei einer Vorreise im Februar kontaktiert haben, uns verstanden haben und auch an Wochenenden, Feiertagen oder in der Nacht arbeiten.
Aber es hat geklappt, wir haben zu jedem Spiel einen frischen und interessanten Helmut für die Fans gemacht, der auf eine unglaublich positive Resonanz gestoßen ist.

Faszination Fankurve: Was hat Euch während der WM in Brasilien besonders gefallen und an welchen Stellen war die Organisation nicht wie gewünscht? Wie lautet Euer Fazit zur WM vor dem Finale?
Gabriel: Für die Fans, die in Brasilien waren, war es ein tolles Turnier, vielleicht gekrönt vom ersten WM-Titel seit 24 Jahren. Auch für die mobile Fanbotschaft, die von allen Austragungsorten gut unterstützt wurde, lief es sehr gut. Beispiel Standorte für die Fanbotschaft, wo wir von den Verantwortlichen aller Städte überall sehr gute Plätze genehmigt bekamen. Dann war das Fanbetreuungsteam, das wir dabei hatten super und die Kooperation mit DFB und Deutscher Botschaft hat auch richtig klasse funktioniert. Auf diesem Gebiet war also alles gut.
Das gilt aber nicht für die Präsentation der Spiele im Stadion, da haben wir von Fanseite sehr viel Kritik an der FIFA gehört und bei jedem Spiel gab es auch sicht- und hörbare Kritik aus der deutschen Kurve an der FIFA. Ein Bericht, der uns zugeschickt wurde und den wir auf unserer Webseite veröffentlicht haben, fasst die Kritik wohl ganz gutzusammen.
Last but not least: Unser ganzes Programm wird vom DFB finanziert, was meines Erachtens absolut bemerkenswert ist. Es gibt keinen anderen Fußballverband, der so etwas tut. Bekanntlich wird der Verband ja von Fans oft kritisiert, an dieser Stelle verdient er aber ein großes Lob. (Faszination Fankurve, 12.07.2014)

Hier geht zum Fanzine Helmut (Ausgabe zum Finale gegen Argentinien).

Michael Gabriel in Porto Alegre im Gespräch mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière.<br />Bild: fanguide-wm2014.de”><figcaption>Michael Gabriel in Porto Alegre im Gespräch mit Bundesinnenminister Thomas de Maizière.<br />Bild: fanguide-wm2014.de</figcaption></figure>
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