Bloße Neuauflage des Fankongresses kommt nicht in Frage

Faszination Fankurve 30.01.2015 0 Kommentare

Foto: WH96Faszination Fankurve: Was haltet ihr von Überlegungen

Im zweiten Teil des großen Winterinterviews zieht ProFans ein Fazit zum NRW-Pilotprojekt, informiert über den Stand der Planungen für einen Fankongress 2016, erklärt was die DFL zu einem Montagsspiel in der 1. Bundesliga sagt und äußert sich zu den Themen RB Leipzig und HoGeSa.

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Faszination Fankurve: In Nordrhein-Westfalen gab es ein Pilotprojekt, das weniger Polizisten bei Nicht-Risikospielen vorsah. Welche Erfahrungen haben die in ProFans organisierten Gruppen mit dem Projekt gemacht?
ProFans: Weniger Polizei bei Fußballspielen – das finden wir natürlich gut. Wir haben auch positive Rückmeldungen bekommen. Viele Fans fühlen sich durch weniger Polizei freier und mehr wie „normale Bürger“ behandelt. Die Festlegung, was denn nun genau ein „Risikospiel“ ist und was nicht, erscheint derweil immer noch ziemlich undurchsichtig. Es hat Spiele gegeben, bei denen weniger Polizei eingesetzt wurde, obwohl es eine gewisse Rivalität zwischen den Fanszenen zu verzeichnen gab. Das könnte auch als gewisse Provokation gedeutet werden. Als aufmerksame Beobachter verfolgen wir natürlich, ob Vorfälle bei solchen Spiele nicht im Nachhinein benutzt werden, um das Projekt als „gescheitert“ zu deklarieren. Zudem beobachten wir genau, ob – wie einige Spiele vermuten lassen – die offensichtliche Polizeipräsenz zwar heruntergefahren wird, aber dafür vielen Fußballfans – auch ohne Stadionverbot – mit anderen polizeilichen Maßnahmen, wie z.B. Betretungsverboten, zu Leibe gerückt wird. Insgesamt können wir den Fans natürlich nur empfehlen, den Sicherheitsfanatikern nicht unnötige Vorlagen zu liefern.

Faszination Fankurve: Mit Sandra Schwedler ist eine langjährige ProFans-Mitwirkende nun im Aufsichtsrat eines Bundesligisten. Ist der „Marsch durch die Institutionen“ nicht möglicherweise der erfolgreichere Weg, als ständig Protestspruchbänder in den Fankurven zu zeigen?
ProFans: Dass Sandra in dieses Amt gewählt wurde, ist natürlich eine wunderbare und seltene Anerkennung ihres Engagements als Fanvertreterin und wir hoffen, dass sie einiges bewegen kann. Erfolgreich kann der der Weg nur dann sein, wenn er auf allen Ebenen verfolgt wird. Die Proteste in den Kurven sind ebenso notwendig wie der Dialog mit den Verbänden, das Suchen nach politischem Gehör und eben auch die Einflussnahme in den Vereinen.

Faszination Fankurve: Fans und Ultras, zum Beispiel in Hannover und Hamburg, kehren dem Profifußball zumindest vorläufig den Rücken zu. Scheint sich daraus ein Trend zu entwickeln und gibt es weitere Ultràgruppen, die mit den Begleiterscheinungen der Bundesliga nichts mehr anfangen können?
ProFans: Die Tendenz ist ja nicht neu. Mit Hamburg und Hannover gibt es nun zwei neue prominente Vertreter. Wobei die unterschiedlichen Beweggründe auch nicht gleich in einen Topf geworfen werden sollten. Die Frage, „bis zu welchem Punkt“ eine kritische Fan- und Ultraszene die Entwicklung im modernen Fußball und besonders im eigenen Verein noch mit den eigenen Überzeugungen in Einklang bringen kann, stellen sich wohl so ziemlich alle Gruppen des Landes. Das Schwierigste an der Sache ist, dass keine Antwort wohl wirklich befriedigend sein kann. Weder soll der eigene Verein im Stich gelassen werden, noch sollen die eigenen Ideale verraten werden, noch auf Erfolgsträume des eigenen Vereins verzichtet werden, noch das Feld kampflos den Kommerz- und Sicherheitsgeiern überlassen werden. Die Frage muss dennoch immer wieder neu gestellt und beantwortet werden. Wir ziehen den Hut vor jeder Gruppe und jeder Szene, die diesen schwierigen Prozess durchhält und Entscheidungen trifft.
Letzten Endes aber, wenn es eine Tendenz wird, die sich fortsetzt, ist der Spitzenfußball drauf und dran, etwas sehr Wertvolles zu verlieren, was ihm überhaupt erst seine unglaubliche Popularität verleiht, nämlich seine sozial integrative Funktion unter der Anhängerschaft.

Faszination Fankurve: Zuletzt wurde in den Medien über die Einführung eines Montagsspiels in der 1. Bundesliga spekuliert. Habt ihr euch nach diesen Spekulationen in Frankfurt gemeldet? Welche Antwort habt ihr bekommen?
ProFans: Wir haben natürlich sofort nachgefragt. Die DFL sagte, dass es reine Spekulation der Presse sei.

Faszination Fankurve: RB Leipzig hat in der Winterpause die letzten Lizenzauflagen der DFL erfüllt. Überrascht euch, dass RB Leipzig wohl auch in der kommenden Saison die Lizenz erhalten wird?
ProFans: Wirklich überraschen kann da in dieser Richtung kaum noch etwas. Geld macht auch im Fußball nahezu alles möglich, und genau das ist ein Punkt, wo wir sagen, dass der Sport richtigen Schaden nimmt, wenn er vor allem nur noch diesen Wert vermittelt.

Faszination Fankurve: Die Interessengemeinschaft Unsere Kurve hat nach deren letztem Treffen in Bielefeld geschrieben, dass über die Organisation eines neuen Fankongresses im Januar 2016 nachgedacht wird. Könnt ihr uns hierzu schon etwas verraten?
ProFans: Wir beraten uns derzeit mit den uns angeschlossenen Gruppen, ob und wie es einen Fankongress 2016 geben wird, und stehen dort auch im engen Austausch mit der IG Unsere Kurve. Auf dem Treffen in Bielefeld ist allerdings auch deutlich geworden, dass eine bloße Neuauflage der Veranstaltung wohl eher nicht in Frage kommt.

Faszination Fankurve: Mitte Januar kam es in Bielefeld zum Wintertreffen von ProFans. Was waren die wichtigsten Themen?
ProFans: Im Mittelpunkt stand die Sportgerichtsbarkeit und der 9-Punkte-Plan. Aber natürlich haben wir auch unsere weiteren, vor der Saison ausgerufenen Schwerpunktthemen „Spieltagsansetzung“ und „Fanutensilien“ reflektiert und unser weiteres Handeln abgestimmt. Generell sind diese Treffen immer enorm wichtig, da wir nur hier ein wirklich umfassendes und authentisches Bild der Themen und Probleme der Szenen in den verschiedenen Regionen und Ligen bekommen – so zum Beispiel in Bezug auf Betretungsverbote.

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Verpflichtende Anreise mit dem Sonderzug? ProFans hat kräftig was dagegen!
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Faszination Fankurve: Was haltet ihr von Überlegungen, den Verkauf von Eintrittskarten für Gästefans an Fahrkarten für einen bestimmten Sonderzug oder bestimmte Busse zu koppeln? Es gibt ja Meinungen, dies sei eine Möglichkeit, Auseinandersetzungen zu vermeiden und gleichzeitig auch den Fans eine attraktive Anreise zu bieten.
ProFans: Die Freiheit ist ein hohes Gut. In unseren Augen sind solche Vorschläge ein Angriff auf die Grundrechte und zudem eine Ausgeburt der Willkür, und zwar deshalb, weil sie zum einen unverhältnismäßig sind und zum anderen unzweckmäßig. Auseinandersetzungen geschehen hin und wieder, und wir können verstehen, wenn das verhindert werden soll. Die präventive Arbeit sollte sich aber nicht auf Drangsalierung gründen, sondern besser denen überlassen werden, die sich darauf verstehen. Wir haben nichts dagegen, die Fanprojekte weiter zu stärken.
Die Vorfälle, die hin und wieder passieren, sind bei weitem nicht so gravierend, dass sie derartige erhebliche Eingriffe in die Reisefreiheit Tausender oder Zehntausender Menschen rechtfertigten. Unzweckmäßig ist so etwas deshalb, weil man damit vor allem diejenigen treffen wird, die der Gewaltbereitschaft völlig unverdächtig sind. Oder glaubt tatsächlich jemand, dass etwa Familien mit Kindern oder überhaupt besonnene, weitblickende Menschen Bock darauf haben, in einem von Polizei bewachten Zwangstransport zum Auswärtsspiel zu fahren? Die werden nach und nach wegbleiben, und ohne sie und ihren beruhigenden Einfluss könnte es bei der einen oder anderen Szene erst einer Radikalisierung Vorschub leisten. Das ist auch gar keine neue Erkenntnis: Beobachtungen, die diese Annahme stützen, gibt es seit Langem.

Faszination Fankurve: Ihr habt Euch in einer Stellungnahme von „Hooligans gegen Salafisten“ distanziert. Seht ihr durch das Aufkommen dieser politische Hooligan-Bewegung ein Entfernen der Ultràszene von Hooligangruppen?
ProFans: Eine generelle Einschätzung können wir nicht abgeben. Dazu sind die Konstellationen in den einzelnen Fanszenen viel zu verschieden. Fest steht, dass sich viele Ultras und Fangruppen deutlich von HoGeSa distanziert haben, während einige Hooligan-Gruppen die Demos unterstützt haben. Konflikte bleiben da unvermeidlich. Wer aber unter den Demo-Teilnehmern nun wirklich Mitglied in einer relevanten Hooligan-Gruppe ist und wer doch nur gern mal einen „Kategorie C“-Pulli trägt, ist noch mal eine andere Frage. Solche Analysen verlassen allerdings unseren Aufgabenbereich, und es wäre auch praktisch für uns gar nicht zu leisten, so etwas zu untersuchen. Wir haben bei dem Thema klar Stellung bezogen und lehnen HoGeSa natürlich ab. Die ProFans-Gruppen teilen einen antirassistischen Grundkonsens. Dabei spielt es keine Rolle, ob Nazis, radikale Salafisten oder sonstige Dumpfbacken andere Menschen ausgrenzen und diskriminieren. Wir haben keinen Bock auf so eine Scheiße.

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Nach der gewalttätigen HoGeSa-Demonstration in Köln äußerte sich ProFans zu dem Thema
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Faszination Fankurve: Andreas Rettig wird bald nicht mehr Geschäftsführer der DFL ein. Eine schlechte Nachricht für die aktive Fanszene?
ProFans: Herr Rettig war als Geschäftsführer in seiner Position schon sehr bemüht, den Draht zu uns zu halten. Im Vergleich zum anderen großen Verband in Frankfurt ist das schon ein deutlicher Unterschied gewesen. Ein paar Dinge sind in seiner Zeit auch erfolgreich für uns gelaufen. Zum Beispiel das Thema Ticket-Zweitmarkt. Es ist durchaus dem Bestreben der DFL zu verdanken, dass Viagogo heute in der Bundesliga keine Rolle mehr spielt. Für uns als aktive Fans ist es wichtig, verbindliche Gespräche mit den Verbänden zu führen, deren Gültigkeit auch unabhängig von konkreten Personen bestehen bleibt. Es nützt uns gar nichts, wenn ein Verbandsvertreter mehr verspricht als der andere, wenn es nicht in einem verbindlichen Rahmen geschieht. Aussagen in persönlichen Gesprächen können sich bei Personalwechseln in Luft auflösen. Wir müssen versuchen, so etwas zu verhindern. Das haben wir leider in der Vergangenheit noch zu wenig bedacht.

Faszination Fankurve: Stellen wir uns mal vor, dass ProFans Vertreter plötzlich das Sagen bei DFL und DFB hätten. Was wären Eure ersten Amtshandlungen?
ProFans: Auweia. Auf jeden Fall eine umfassende Reform der Sportgerichtsbarkeit; strikte Regeln gegen die übermäßige Kommerzialisierung des Fußballs; viel mehr Transparenz; weniger Arroganz gegenüber unteren Ligen, und natürlich viel mehr Unterstützung für Fans in allen Belangen, denn ohne sie gibt es keinen Fußball. (Faszination Fankurve, 30.01.2015)

Hier geht es zum ersten Teil des Interview Interviews, in dem u.a. um die Meinung von ProFans und vieler Ultràgruppen zum Thema DFB-Strafen, um die Anstoßzeiten in den Bundesligen, die Einführung einer 300 Kilometer-Regel, den Dialog mit DFL und DFB sowie um erlaubte Fanutensilien geht. 

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Nach der gewalttätigen HoGeSa-Demonstration in Köln äußerte sich ProFans zu dem Thema
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Verpflichtende Anreise mit dem Sonderzug? ProFans hat kräftig was dagegen!
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