„Erneut ein Zeichen zum Erhalt unserer Fankultur setzen“

Faszination Fankurve 11.04.2015 0 Kommentare

Foto: Faszination Fankurve

Vor dem Sonntagsspiel des 1. FC Köln gegen Hoffenheim organisieren Fans und Ultras des Vereins einen Protestmarsch zum Erhalt der Fankultur. Faszination Fankurve sprach mit Stephan Schell, einem der Organisatoren des Marschs, über die DFB-Strafe, das Projekt Hoffenheim und die Vorfälle in Mönchengladbach.

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Faszination Fankurve: Am Sonntag den 12. April soll im Kölner Westen für den Erhalt der Fankultur auf die Straße gegangen werden. Wie kam es zu der Idee des Fanmarschs?
Stephan Schell: Die Inhalte der Fandemo 2012 waren nie wirklich vom Tisch. Daher hatten wir immer mal wieder verschiedene Gedanken noch mal was in diese Richtung zu unternehmen, insbesondere wenn der FC mal wieder beim DFB antanzen musste. Es beschäftigt uns schon einige Zeit wie man Fankultur beim Verband bewertet, von oben herab über andere richtet und insbesondere den FC dort behandelt. Spätestens nach dem Urteil des DFB nach dem Derby war dann für uns klar, dass wir noch mal auf die Straße gehen und erneut ein Zeichen zum Erhalt unserer Fankultur setzen wollen.

Faszination Fankurve: Wer organisiert bzw. beteiligt sich an dem Marsch zum Erhalt der Fankultur?
Schell: Wie auch damals haben einige Leute aus der Fanszene das Heft in die Hand genommen, um das Bündnis „Zum Erhalt der Fankultur“ erneut aufleben zu lassen. Diejenigen, die damals im Organisationsteam eine Rolle gespielt haben, sind auch beim Fanmarsch am Sonntag zum großen Teil wieder mit dabei. Aus verschiedenen Gründen ziehen wir das Ganze allerdings eine Nummer kleiner auf, als 2012. Nichtsdestotrotz wünschen wir uns natürlich, dass am Sonntag wieder möglichst viele FC-Fans aus allen Sparten bei einem bunten, lautstarken und kreativen Fanmarsch von der Aachener Straße bis zur Südkurve mitmachen.

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Stephan Schell bei der Fandemo im Ende 2012 in Köln
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Faszination Fankurve: Die Fanszene des 1. FC Köln ist eine der wenigen Fanszenen in Deutschland, die das Thema TSG Hoffenheim und Dietmar Hopp weiterhin bei allen Aufeinandertreffen beider Teams thematisiert. Was ist so schlimm am Modell TSG Hoffenheim?
Schell: Uns war immer wichtig, dieses Thema nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Konstrukte wie Hoffenheim sind für uns das Gegenteil von dem, was wir als Vereinsfußball betrachten. Mäzene wie Dietmar Hopp, die sich nach außen hin als Heilsbringer verkaufen, die Clubs im Endeffekt jedoch im Diktatormodus als persönliches Spielzeug, Interessenvertretung oder Werbeträger missbrauchen, lehnen wir ab. Die durch die DFL erteilte Ausnahme von der 50+1-Regel, die Hopp nun auch offiziell als Alleinherrscher legitimiert, bestärkt uns in der Meinung, dass in Hoffenheim nicht von Uneigennützigkeit die Rede sein kann. Fußballvereine leben in erster Linie durch ihre Mitglieder, Fans und durch das Ehrenamt. Großinvestoren dürfen niemals den Alleinvertretungsanspruch in diesem Sport erhalten. Für uns zählen Werte wie Ehrlichkeit, Treue, Verbundenheit und Charakter und nicht Gewinnmaximierung! Natürlich ist uns bewusst dass auch unser Verein, dank Ausgliederung der Profiabteilung in eine GmbH & Co. KGaA, nicht unserem obersten Ideal entspricht. Aber wir wissen ebenso, dass es ohne die Proteste der Fankurven, in Fußballdeutschland noch mal ganz anders aussähe. Was passiert, wenn man sich dem Thema zu wenig oder zu spät widmet, sieht man jedenfalls am Beispiel England, von wo viele jetzt sehnsüchtig nach Deutschland blicken. Für nicht wenige englische Fans sind die hiesigen Zustände noch heile Fußballwelt, in der man sich auch als Normalverdiener die Eintrittskarten leisten kann, in den Stadien noch was los ist und trotzdem guter Fußball gespielt wird. Wir wollen, dass das so bleibt, aber dafür muss man eben denjenigen, die das ändern wollen, die Stirn bieten.

Faszination Fankurve: Im Jahr 2012 wurde in Köln eine Demonstration unter dem gleichen Motto organisiert. Wie hat sich der Fußball seit dem verändert?
Schell: Ich würde mal behaupten, dass der Fußball einer stetigen Veränderung unterliegt. Ob die Weichen dabei immer zum Vorteil der Fans gestellt werden, vermag ich zu bezweifeln. Ich habe das Gefühl, dass bei allen Veränderungen der Fan grundsätzlich an letzter Stelle steht. Zwar haben wir in Deutschland immer noch positivere Verhältnisse, als in anderen Ländern und führen Dialoge über die man anderswo gar nicht nachdenken würde. Doch das heißt nicht, dass die Situation hierzulande dadurch zwangsläufig paradiesisch ist. Nach den Protesten und Demonstrationen im Jahr 2012 schien sich zwar eine leichte Kursänderung abzuzeichnen, doch unter dem Strich werden immer noch Probleme herbei geredet. Es wird noch immer unsachlich diskutiert und pauschalisiert. An Diskussionen, wie beispielsweise über die Polizei-Einsatzkosten in Bremen, kann man beispielhaft fest machen, dass weiterhin Politik auf dem Rücken der Fußballfans betrieben wird. So wurden die Inhalte des Bündnisses „Zum Erhalt der Fankultur“ zwar um zwei weitere Punkte ergänzt, doch die Forderungen von damals sind für uns nach wie vor präsent.

Faszination Fankurve: Ein weiterer zentraler Punkt im Aufruf zum Marsch ist das Strafensystem des DFB. Was ist aus Sicht der Organisatoren am aktuellen Strafensystem des Verbands ungerecht?
Schell: Ein Verband kann (wie z.B. auch die Vereine mit Satzungen) ein eigenes Regelwerk festlegen. Im Falle des DFB ist dies die Rechts- und Verfahrensordnung. Der darin enthaltene Paragraph 9a behandelt die „Verantwortung der Vereine“ und sagt unter anderem aus, dass ein Verein für das Verhalten seiner Zuschauer verantwortlich ist sowie für Zwischenfälle jeglicher Art im Rahmen des Spieltags haftet. Ich bin kein Jurist. Vielleicht verstehe ich es auch deshalb nicht, warum ein Verband wie der DFB im Rahmen seiner Verbandsautonomie die Vereine für das Verhalten ihrer Fans bestraft, obwohl die Vereine dafür kein Verschulden trifft. Erst recht nicht, wenn diese Unsummen für Sicherheitsmaßnahmen ausgeben. Dennoch verhängt der DFB diese Strafen, die nicht zuletzt in ihrer Höhe einfach jeglicher Grundlage entbehren. Das Unverständlichste ist aber, dass die Vereine keine ernsthaften Versuche unternehmen, daran etwas zu ändern, weil sie fürchten vom DFB in verschiedenen Dingen benachteiligt zu werden. Es erinnert ein bisschen an die Situation in der Straßenbahn, wo ein Typ alle Leute anpöbelt, aber keiner den Mut hat was zu sagen, in der Angst als nächster eine geklatscht zu kriegen. Offenbar gehört der FC zwar zu den wenigen Vereinen, die beim DFB zumindest versuchen dagegen anzugehen. Nur bringt das wenig, wenn hinter allen Instanzen der Sportgerichtsbarkeit sowieso wieder der DFB steht. Die Zahl der FC-Sympathisanten beim DFB ist ohnehin scheinbar ähnlich hoch, wie in einigen Medienredaktionen, was die Sache sicherlich auch nicht einfacher macht. Niemand möchte, dass der FC benachteiligt wird, aber den genannten Zustand und die DFB-Rechtsprechung, die in ihrer Formulierung jeglichen Spielraum offen lässt, um willkürlich, unverhältnismäßig und intransparent über die Vereine und ihre Fans zu richten, können wir nicht akzeptieren.

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Fans des 1. FC Köln wollen am Sonntag zeigen, dass Köln eine Stadt der Fankultur ist
Bild: WH96


Faszination Fankurve: Nicht wenige Leute rechneten nach den Vorfällen beim Derby in Mönchengladbach mit einem Geisterspiel für den 1. FC Köln, warum ist das Urteil des DFB in euren Augen trotzdem kein mildes Urteil?
Schell: Weil beispielsweise 2.800 FC-Fans bei drei Heimspielen nicht in ihre Blöcke dürfen. Von diesen Leuten ist nur ein geringer Teil in Mönchengladbach gewesen und ein noch viel geringerer Teil dort aufgefallen. Die Sanktionen bei Auswärtsspielen sind darüber hinaus ein massiver Eingriff in die Fankultur. Noch Anfang des letzten Jahres gab es vom DFB ein Empfehlungsschreiben an alle Vereine, dass man die Freigabe der Fanutensilien bei Auswärtsspielen möglichst zugunsten der Fans einheitlich behandeln sollte und dann gibt es aufgrund dieses Urteils neben der Ticketpersonalisierung ein Verbot von Fahnen und Bannern? Für mich stellt sich auch die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Sanktionen. Ich kann zumindest keinen kausalen Zusammenhang zwischen den Geschehnissen beim Derby und einem Zaunfahnenverbot oder personalisierten Karten erkennen.

Faszination Fankurve: Der Fanmarsch steht unter dem Motto „Zum Erhalt der Fankultur“. Haben Ultras und Fans des 1. FC Köln mit ihrem Fehlverhalten in Mönchengladbach der Fankultur nicht selbst einen Bärendienst erwiesen?
Schell: Für mich steht es außer Diskussion, dass bei dem Spiel in Mönchengladbach Sachen passiert sind, die so nicht hätten passieren dürfen. Nach intensiven Diskussionen in den Gruppen und im Südkurvenverbund konnten wir uns aber nach einiger Zeit äußern und das Spiel in Gladbach entsprechend einordnen. Was wir veröffentlicht haben ist der Konsens und dazu stehen wir.

Faszination Fankurve: Das Thema Kollektivbestrafung wird seit Karneval in der Kölner Fanszene allgegenwärtig diskutiert. Welche von den Ultras als Kollektivstrafe wahrgenommenen Sanktionen seitens des Vereins haben aktuell noch Bestand?
Schell: Also erst mal sollten wir schon das Kind auch objektiv beim Namen nennen. Es handelt sich um eine Kollektivstrafe. Die Ultras sagen ja auch nicht, dass in Mönchengladbach mit Luftschlangen geschmissen und der Weltfrieden ausgerufen wurde. Ansonsten haben die Maßnahmen mit Ausnahme von sieben aufgehobenen Stadionverboten alle leider noch Bestand. Zumindest ist dies so nach meinem aktuellen Erkenntnisstand.

Faszination Fankurve: Ihr setzt euch für den Erhalt des Fußballs als „Volkssport“ ein. Schließt dies nicht mit ein, dass alle Bevölkerungsteile ohne Angst zu haben ins Stadion gehen können?
Schell: Das schließt es mit ein, gar keine Frage. Es ist eine Tatsache, dass die Fußballfans ohne Angst ins Stadion gehen können. Mit dieser Ansicht sind wir glaube ich aber auch nicht alleine. Das beweisen allein die Zuschauerzahlen im ganzen Land. Der Besuch eines Fußballstadions ist und bleibt sicher. (Faszination Fankurve, 09.04.2015)

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Mit diesem Flyer mobilisieren die Fans für den Protestmarsch

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Stephan Schell bei der Fandemo im Ende 2012 in Köln
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Fans des 1. FC Köln wollen am Sonntag zeigen, dass Köln eine Stadt der Fankultur ist
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Mit diesem Flyer mobilisieren die Fans für den Protestmarsch
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